13.05.2005: Am Mittwoch ist Schule im Betrieb

Praxistage für Abgänger an der IGS Obere Aar in Hahn sollen Chancen verbessern
Erfahrungen sammeln ist oberstes Prinzip der Praxistage für Hauptschüler in Hahn. Julian Abate und Marco Steinert sind mittwochs derzeit bei der Firma Hessapp, links Ausbilder Helge Kaiser, rechts Klassenlehrer Dieter Funk.

Seit Beginn des zweiten Schulhalbjahres gibt es für die Hauptschüler des neunten Jahrgangs an der Gesamtschule in Hahn betriebliche Praxistage nach dem Prinzip: "Vier Tage Unterricht - ein Tag im Betrieb".

Mit diesem Angebot sollen die Zukunfts- und Ausbildungschancen der Schulabgänger in Zusammenarbeit mit Betrieben in der Region verbessert werden, wie Stufenleiterin Margret Potthof sagt. Die Praxistage ergänzen das zu Beginn jedes neunten Schuljahres stattfindende dreiwöchige Betriebspraktikum. Diese betrieblichen Praxistage finden in insgesamt drei unterschiedlich ausgerichteten Betrieben statt, nämlich im Handwerk, im Bereich Büro/Verkauf und in sozialen Einrichtungen wie Altenheimen oder Krankenhäusern.

Die Schülerinnen und Schüler arbeiten in jedem Betrieb jeweils fünf Mittwoche bis zu sechs Stunden am Tag, um Grundkenntnisse über das Berufsfeld und die jeweiligen Anforderungen zu erwerben. Denn laut Dieter Funk, Klassenlehrer an der Hahner Gesamtschule, gibt es eine große Diskrepanz zwischen den schulischen und beruflichen Anforderungen. Genau da sollen die Praxistage ansetzen und den jungen Leuten schon vor dem Einstieg ins Berufsleben helfen, besser auf die Anforderungen in der freien Wirtschaft vorbereitet zu sein. "Das ist oft eine sehr hohe Barriere vor einer Einstellung", hat Funk feststellen müssen.

Ihre Erfahrungen in den Betrieben müssen die Schülerinnen und Schüler in Form von Berichten, Fotos und Materialsammlungen festhalten und dokumentieren. Nach jeder fünfwöchigen Praxisphase findet in der Schule ein Reflexions- und Auswertungstag statt. Die Schüler schätzen insbesondere die Abwechslung und empfinden die Praxistage als Bereicherung, hat Funk erfahren. Es sei doch ein großer Unterschied "ob sie bei uns zu spät kommen oder im Betrieb." Es würden wichtige Erfahrungen gesammelt, die dann im Unterricht noch einmal aufbereitet werden können.

"Manche merken endlich wie der Hase läuft", sagt der Hahner Lehrer, der die Praxistage als "große Chance" sieht. Umso mehr hoffen er und seine Kollegin, dass sich noch weitere Firmen und Betriebe in der Region bereit erklären, Schulabgänger in dieser so wichtigen Phase ihrer Schulzeit zu nehmen. Deshalb appelliert Funk auch an das "soziale Gewissen" der Betriebe, sich dieser Aufgabe zu stellen.

Denn die Praxistage sollen auch zusätzliche Orientierungs- und Entscheidungshilfe bei der Berufswahl sein. Schlüsselqualifikationen wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit werden gefordert und können geübt werden, Verantwortungsbereitschaft und Selbstständigkeit gehören ebenso dazu wie Teamfähigkeit und Kooperationsbereitschaft. Mit den Praxistagen verbinde man "große Hoffnungen" mit Blick auf die allgegenwärtige Lehrstellensuche, sagt Potthof.

Die Schule stelle sich damit auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, ergänzt Funk. "Eine Jugend ohne Perspektiven ist ein großes gesellschaftliches Konfliktpotenzial." Trotz ihrer kleinen Lobby hätten es alle 35 Schülerinnen und Schüler in den beiden Hauptschulklassen des neunten Jahrgangs in Hahn verdient, "dass man sich um sie kümmert".

[Quelle: Wiesbadener Kurier; von Mathias Gubo ]