17.12.2004: Tankstellenbau im Trinkwasserschutzgebiet? -

Fiktive Gemeinderatsitzung mit Schülerinnen und Schülern
Wie sind die unterschiedlichen Interessen der Gemeinde, des Mineralölkonzerns und des Naturschutzbundes bzw. des örtlichen Wasserversorgers unter einen Hut zu bringen? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler der Thomas-Münzer-Mittelschule in Leipzig im Rahmen einer fiktiven Gemeinderatsitzung.

Die Herausforderung, mit der die Schüler im Forum "Umweltschutz" konfrontiert wurden, lautete: Eine gemeinsame Lösung für die beteiligten Interessengruppen zu finden und eine Balance zwischen wirtschaftlichen Interessen und Umwelt- bzw. Wasserschutzaspekten herzustellen.

Zur Lösung des Problemfeldes berief Andreas Schulz von den Kommunalen Wasserwerken eine fiktive Gemeinderatssitzung in den Räumlichkeiten der Thomas-Münzer-Mittelschule in Leipzig ein. Die Situation gestaltete sich wie folgt: Im Ort Musterhausen soll eine Tankstelle auf einem Grundstück gebaut werden, das in einem Naturschutzgebiet liegt und ein Trinkwasserschutzgebiet der Zone II beherbergt. Das Gebiet ist durch seine Lage an der Ausfallstraße zur nächsten Stadt ideal für eine Tankstelle. Für das Grundstück gibt es sogar einen Interessenten, den Mineralölkonzern Benzingut.

Die Stadt könnte das Geld gut gebrauchen, um einen neuen Kindergarten zu bauen, der vom Verein der berufstätigen Mütter schon lange verlangt wird. Auch die Einwohner des Ortes fordern seit Jahren eine eigene Tankstelle, da die nächste etwa 15 km entfernt im Nachbarort liegt. Der zuständige Wasserversorger aus der Region stellt jedoch einen Verfahrensfehler fest: In der Trinkwasserschutzzone II darf nicht gebaut werden, es ist gesetzlich verboten. Auch der Naturschutzbund des Ortes setzt sich für die Umweltbelange ein und ist gegen den Bau der Tankstelle in diesem Gebiet.

Den Einstieg in die Gemeinderatssitzung gab Herr Schulz von den Wasserwerken, der die Diskussionsrunde moderierte, ansonsten aber den Schülern die inhaltliche Auseinandersetzung überlies. Es war nun Aufgabe der Schüler, die Interessen der unterschiedlichen Gruppen mit fachlichen Argumentationslinien zu vertreten und über eine angemessene Diskussionskultur zu einer für alle befriedigenden Lösung zu kommen.

Das war gar nicht so einfach, denn immer wieder wurde der Interessenkonflikt zwischen den einzelnen Parteien auf den Tisch gebracht. In einer heißen Diskussion stand André als Vertreter des Mineralölkonzerns vehement für den Bau der Tankstelle ein. Sabine positionierte sich für ihre Gemeinde, um für die Vorteile, die der Bau der Tankstelle für den Standort mit sich bringt, zu kämpfen. Für Sven, Vertreter der Wasserversorger und des Naturschutzbundes, stand fest, dass ein Ausweichgebiet gefunden werden muss, um die Belange des Trinkwasserschutzes und des Schutzes des ökologisch wertvollen Gebietes durchzusetzen.

Am Ende der zweistündigen Verhandlungen waren sich letztendlich alle Parteien einig. Die Einwendungen des Wasserversorgers und des Naturschutzbundes wurden akzeptiert und die Tankstelle wird auf einem Ausweichgrundstück gebaut. Für den Bau der Tankstelle verpflichtet sich der Mineralölkonzern zudem zu Ausgleichspflanzungen und vorsorgenden Umweltschutzmaßnahmen. Am Beispiel dieser lebhaften Diskussionsrunde lernten die Schüler zweierlei: Einen eigenen Standpunkt zu formulieren und zu vertreten sowie ökologische und ökonomische Interessen in Einklang zu bringen.

[Von Stephanie Pröpsting]