18.11.2004: Bonner Bildungsgespräch

Deutschland darf nicht kopflos werden


Im Wasserwerk diskutierten Experten aus Politik und Wissenschaft am vergangenen Montag Abend (15.11.2004) über die Zukunft von Schule und Universität. Veranstalter waren der Bonner Generalanzeiger, der Rheinische Merkur und die Initiative "Neue Soziale Marktwirtschaft“. Eine Zusammenfassung der Diskussion lieferte der Rheinische Merkur in seiner jüngsten Ausgabe vom 18.11.2004. Hier der Wortlaut.

Bildung muss wieder Zukunft haben. Auf Einladung der Initiative „Neue Soziale Marktwirtschaft“ diskutierten unter dem Titel „Deutsche Universitäten – Top oder Flop?“ im ehemaligen Bonner Plenarsaal die Ministerpräsidenten von Thüringen, Dieter Althaus (CDU), und von Nordrhein-Westfalen, Peer Steinbrück (SPD), bildungspolitische Themen. Zuvor hatten FU-Präsident Dieter Lenzen und der Rektor der Uni Mannheim, Hans-Wolfgang Arndt, einführende Referate gehalten. Moderiert wurde das Gespräch vom Chefredakteur des Bonner „General-Anzeigers“, Joachim Westhoff, und dem stellvertretenden Chefredakteur des Rheinischen Merkur, Matthias Gierth. Die Diskussion dokumentieren wir in Zusammenfassungen.

Schulzeitverkürzung
DIETER ALTHAUS: Thüringen hat die Schulzeit auf zwölf Jahre verkürzt. Es gibt in Deutschland Länder, die in zwölf Jahren mehr Unterricht machen als andere in dreizehn. Wir müssen die Ausbildungszeiten insgesamt verkürzen. Lange Zeit hatten wir die falsche Vorstellung, wir könnten alles in der Schule leisten. Inzwischen verdoppelt sich das Wissen alle sechs, acht Jahre. Deshalb müssen wir die Lerngrundlagen betonen, das Denken schulen. Und man muss sich auf lebenslanges Lernen einstellen. Vor allem aber brauchen wir frühere Abschlüsse, auch was die Hochschulen betrifft.

PEER STEINBRÜCK: In Nordrhein-Westfalen haben wir jetzt beschlossen, das Abitur nach zwölf Jahren einzuführen. Ein großes Problem in Deutschland ist das Berufseintrittsalter. Späte Einschulung, lange Schul- und lange Studienzeiten führen dazu, dass Absolventen im Schnitt zwei bis drei Jahre älter sind als ihre Kollegen in Großbritannien oder Skandinavien. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung zählt es stark, wenn man zwei oder drei Berufsjahre verliert, etwa im Hinblick auf die Finanzierung der Sozialversicherungssysteme. Das durchschnittliche Einschulungsalter in Deutschland dürfte im Schnitt fast ein Jahr später liegen als in anderen europäischen Ländern.

Müssen Lehrer Beamte sein?
STEINBRÜCK: Nein, das müssen sie nicht. So wie viele andere Beschäftigte im öffentlichen Dienst auch nicht Beamte sein müssen. In NRW haben wir ziemlich weit reichende Vorstellungen dazu, aber im Bundesrat gibt es bisher keine Zweidrittelmehrheit, um das zu ändern. Was ich nicht möchte, ist eine Spezialregelung nur für Lehrerinnen und Lehrer. Im Übrigen glaube ich, dass das Thema Leistungszulagen oder eine leistungsorientiertere Bezahlung im gesamten öffentlichen Dienst eine Rolle spielen muss, nicht nur für die Lehrerinnen und Lehrer.

ALTHAUS: In Thüringen ist eine deutlich geringere Zahl der Lehrer verbeamtet, vielleicht zwanzig Prozent. Insofern kann ich auch ohne leben. Die Inflexibilität in der öffentlichen Besoldung ist insgesamt ein Problem. Allein das Dienstalter ist kein geeigneter Maßstab für Leistung. Hier müssen wir mehr Qualitätsmaßstäbe auch für die Besoldung relevant machen.

Schlechtes Lehrerimage?
STEINBRÜCK: Ich warne vor einer Pauschalkritik gegenüber Lehrerinnen und Lehrern. Dieser Beruf ist heute mit Problemen konfrontiert, die sich qualitativ deutlich unterscheiden gegenüber der Entwicklung vor zwanzig oder dreißig Jahren. Viele soziale Probleme werden auf die Pädagogen abgewälzt. Hinzu kommt, dass viele Elternhäuser ihren Erziehungsauftrag an den Schultüren abgeben und die eigenen Probleme an die Lehrer delegieren.

ALTHAUS: Leider wird in Deutschland häufig auf Biertischniveau geredet, werden Lehrerinnen und Lehrer pauschal kritisiert. Damit wird nur erreicht, dass eine der wichtigsten Gruppen unserer Gesellschaft, die Vorbild sein, Bildung vermitteln und Erziehung weitergeben muss, diffamiert und diskreditiert wird. Wertschätzung der Schule und des Lehrpersonals – und gleichzeitig Qualitätsprüfung, das scheint mir der richtige Weg zu sein. Wir müssen diejenigen, die auch Vermittler zwischen den Generationen sind, öffentlich auch als Vermittler darstellen und zu ihnen stehen. Ich wünsche jedem, der Lehrer pauschal kritisiert, dass er mal ein halbes Jahr selbst als Lehrer arbeitet.

Aus- und Weiterbildung
ALTHAUS: Lehrerinnen und Lehrer müssen schon im ersten oder zweiten Semester erfahren, was es heißt, mit Schülern umzugehen. Zwischen Hochschule und Schule muss auch ein personeller Austausch erfolgen. So sollten Hochschullehrer auch mal wieder in die Schule gehen, um zu sehen, was es heißt, ihre Didaktik in der Schule anzuwenden. Sie werden erleben, dass sich vieles verändert hat. Kinder interessiert nicht so sehr die Fachbildung des Lehrers. Sie wollen wissen, was das für ein Mensch ist, ob er Unterrichtsstoff anschaulich vermitteln kann. Vieles in der Schule liefe besser, wenn der Lehrer auch ein Vorbild ist. Fort- und Weiterbildung sollten im Übrigen zur Pflicht gemacht werden. Die Einhaltung solcher Verpflichtungen müsste vielleicht auch im Blick auf das Einkommen überprüft werden.

STEINBRÜCK: Ich bin da etwas vorsichtiger. Wenn ich Fortbildung vorschreibe, muss ich auch dafür Sorge tragen, dass sie im Zweifelsfall sogar in den Ferien geschieht, und muss dies vielleicht auch zulasten des Unterrichts zulassen. Das muss dann auch gesetzlich verankert werden, mit allen damit verbundenen Umsetzungsschwierigkeiten.

Schulsystem der Zukunft
STEINBRÜCK: Brauchen wir mehr Integration, oder belassen wir es bei dieser Gliederung, allerdings mit der Maßgabe großer Durchlässigkeit? Diese Debatte sollte nicht aufgeregt ideologisch geführt werden, sondern gelassen auch entlang an dem, was uns Fachleute aus Wissenschaft, Lehrerverbänden, Elternverbänden vorsetzen. NRW ist im Übrigen derzeit das einzige Land in der Bundesrepublik, das jährlich mehr Lehrer einstellt. Und wir haben den Lehrerinnen und Lehrern eine zusätzliche Unterrichtsstunde aufgebrummt. So sind wir in der Lage, ab nächstem Jahr 200 000 zusätzliche wöchentliche Unterrichtsstunden anzubieten.

ALTHAUS: Ich bin sehr für die Zuständigkeiten der Länder. Sonst hätten wir vieles von dem, was wir erreicht haben, nicht geschafft. Und ich bin für ein differenziertes Schulsystem, jedoch für ein absolut durchlässiges. Das heißt zum Beispiel, dass wir Optionen offen halten für junge Menschen. Warum sollte nicht jemand mit einer dualen Ausbildung, der auch erfolgreich gearbeitet hat und vielleicht eine berufsqualifizierende Nachbildung hatte, nicht an der Universität studieren? Die Hürden werden nicht in der Schule aufgebaut. Die werden später, zum Beispiel beim Eintritt in eine Fachhochschule, eine Berufsakademie oder eine Hochschule aufgebaut. Bildungsbiografien müssen offen bleiben, es muss immer Optionen geben.

Studiengebühren
ALTHAUS: Studiengebühren in Deutschland werden kommen. Die Frage ist, wie man sie umsetzt, damit es nicht zu einer sozialen Selektion kommt. Thüringen hat bereits Gebühren für überlange Studienzeiten eingeführt. Das Problem sind aber nicht so sehr die Studiengebühren, sondern die Frage der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Hochschulen, national wie international. Entscheidend ist, dass die Hochschulen eigenständiger werden bei der Auswahl von Studierenden und autonomer im Blick auf ihre finanziellen Mittel. Vor allem aber: Wenn Studiengebühren erhoben werden, müssen sie auch den Hochschulen zur Verfügung stehen und dürfen nicht zur Sanierung des Staatshaushaltes herangezogen werden.

STEINBRÜCK: Wir haben in Nordrhein-Westfalen über ein Studienkonto-Modell Studiengebühren für Langzeitstudierende und Zweitstudierende eingeführt. Ich teile die Auffassung von Herrn Althaus, dass Studiengebühren generell kommen werden. Welche Regelungen die Bundesländer treffen werden, ist angesichts des zu erwartenden Urteils des Bundesverfassungsgerichts nicht abzusehen. Denkansätze bieten Modelle wie in Australien und Neuseeland mit Rückzahlungsregelung. Mein Fazit: Wir werden erst einmal so weitermachen wie bisher mit dem Studienkonten-Modell.

Kooperation fördern
ALTHAUS: Die Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft müssen verbessert werden, um im Technologiebereich Betätigungsfelder für Hochschulabsolventen zu eröffnen. Wir müssen deutlich machen, dass junge Menschen hierzulande gute Chancen haben. Wir sind zu wenig zukunftsoffen. Der Standort Deutschland muss positiv dargestellt werden, damit er anziehend ist. Große Unternehmen sind früh vor Ort und bieten Studierenden nach dem zweiten, dritten Semester Chancen durch Praktika oder Einbeziehung in Forschungsprojekte. Dadurch binden sie die jungen Menschen an sich. Auch mittelständische Unternehmen müssen in Zukunft in diesen Prozess mit einbezogen werden, den Global Player schon seit Jahren praktizieren. Sie sollten an die Unis gehen und Studierenden Möglichkeiten bieten, in ihrem Betrieb Praktika zu machen und sich für die Zukunft berufliche Orientierung zu verschaffen.

Spitzen-Unis
STEINBRÜCK: Mit dem Begriff Elite habe ich keine Schwierigkeiten, Leistungselite ist für mich zwingend erforderlich. Aber es geht nicht darum, vier oder fünf Elite- universitäten in Deutschland zu haben, sondern darum, dass wir einige Exzellenzfelder definieren, auf die wir uns dann konzentrieren, um in der Champions League mitspielen zu können. Außerdem müssen wir unsere Hochschulen stärker internationalisieren, etwa durch bilinguale Angebote, um auch internationale Spitzenleute nach Deutschland zu holen.

ALTHAUS: Ein Gast von der US-Eliteuni Stanford hat kürzlich die dortige Vernetzung von Wirtschaft und Wissenschaft als vorzüglich gelobt und gesagt, wenn wir in Deutschland hinbekommen, wissenschaftliche Exzellenz und wirtschaftliche Entwicklung mit einem besseren sozialen Standard zu verbinden als in den USA, wären wir auf dem richtigen Weg. Aber das funktioniert nicht. So werden wir eine stärkere Ausdifferenzierung nach oben und nach unten bekommen. Der Staat kann keine Wohlfahrtshängematte für alle aufbauen und gleichzeitig in breitem Umfang Exzellenz fördern. Wir müssen uns stärker mit Unterschiedlichkeit abfinden. Diese Debatte ist in Deutschland noch ganz am Anfang.

[Quelle: Rheinischer Merkur vom 18.11.2004]