23.11.2004: Unternehmen suchen engen Kontakt zu Schülern

Lernpartnerschaften erleichtern Einstieg in den Berufsalltag


Deutschland zählt bei der Ökonomischen Bildung zu den Schlusslichtern in Europa. Bei den Konzernen ist diese Botschaft offenbar angekommen. Sie ergreifen nun selbst die Initiative und laden Schüler in ihre Chefetagen ein,um sie für die Wirtschaft zu interessieren.

Ein Beispiel für solche Projekte ist der vom Initiativkreis Ruhrgebiet organisierte „Dialog mit der Jugend“. Insgesamt 1 300 angehende Abiturienten bekommen die Möglichkeit, mit Unternehmenschefs wie Werner Müller (RAG), Ekkehard Schulz (Thyssen-Krupp) oder Wulf Bernotat (Eon) über Ausbildung und Zukunft zu diskutieren und in den Konzernen den Wirtschaftsalltag zu erleben.

Und die Zahl dieser Initiativen wächst rasant. Allein das Düsseldorfer Institut Unternehmen & Schule hat in Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren bereits 200 Lernpartnerschaften zwischen Schulen und Konzernen aufgebaut. Das Institut wurde 1995 aus der Universität Düsseldorf heraus gegründet und arbeitet mit Industrie- und Handelskammern, Kommunen und der Europäischen Union zusammen. Für Professor Günter Vollmer, Geschäftsführer des Instituts, ist die räumliche Nähe von Unternehmen und Schulen besonders wichtig, weil sich dann der „Unterricht stärker auf die regionale Wirtschaft ausrichtet“.

Inzwischen wird das Netz zwischen Schulen und Unternehmen auch in anderen Bundesländern wie Sachsen, Thüringen oder Baden-Württemberg stetig ausgebaut. Neben Praktika und Unternehmensbesuchen steht vor allem der praxisnahe Unterricht im Mittelpunkt dieser Lernpartnerschaften. So berichten etwa im Chemie-Unterricht Mitarbeiter einer Chemiefirma aus ihrem Berufsalltag. Im Mathematik-Unterricht führen Schüler Zinsrechnungen mit Hilfe von konkreten Firmenunterlagen durch. Das beste an diesen Veranstaltungen sei die „gute und praktische Abwechslung zum sonst eher theoretischen Unterricht“, meinen zum Beispiel Milva Windolph und Daniel Drommershausen, Abiturienten aus Ratingen.

Auch Karla Faoro, Lehrerin in Haan, zeigt sich positiv überrascht von der Lernpartnerschaft. „Die Schüler haben so endlich die Möglichkeit, authentische und vor allem aktuelle Antworten auf ihre Fragen zur Bewerbung, zurAusbildung und zu den Anforderungen in der Berufsschule zu bekommen.“ Aus Sicht der Unternehmen sind diese Partnerschaften eine lohnende Investition. Denn die meisten Firmen suchen händeringend nach qualifiziertemNachwuchs. Mit den Lernpartnerschaften können sie schon in der Schule eine enge Beziehung zu den potenziellen Auszubildenden aufbauen. „Das Projekt ist eine gute Form, mögliche Auszubildende kennen zu lernen und für Berufsfelder zu sensibilisieren“, sagt Carsten Seibel, Geschäftsführer der Mono Metallwarenfabrik Seibel in Mettmann. Die Termine mit der Schule würden flexibel gestaltet, so dass sie beim Unternehmen in den Jahresplan passten.

Inzwischen haben sich bereits dauerhafte Lernpartnerschaften etabliert. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Die Unternehmen wollen verhindern, dass viele junge Menschen ihre Ausbildung einfach abbrechen. Und sie wollen das oft niedrige Bildungsniveau der Auszubildenden heben – gerade in den wirtschaftlichen und mathematischen Fächern. Der Aufwand für die beteiligten Partner wird dabei so gering wie möglich gehalten. So übernimmt das Institut Unternehmen & Schule die Organisation der Lernpartnerschaften und erarbeitet die Konzepte. Während der Zeit der Zusammenarbeit begleitet das Institut die Partner mit Gesprächen in Schulen und Unternehmen.

Das Programm kommt offensichtlich gut an. Die Lernpartnerschaften werden nicht nur vom deutschen Mittelstand getragen, sondern auch von großen Arbeitgebern wie Metro, T-Mobile, Dresdner Bank oder der AOK.

[Quelle: Handelsblatt; weitere Informationen unter www.handelsblatt.com/schule]