02.06.2006: Berater aus der Wirtschaft sollen Hauptschulen helfen

"Niemanden zurücklassen" heißt ein neues Projekt für Hauptschulen in Schleswig-Holstein

55 Hauptschulen, deren Schülerschaft besondere Probleme mitbringen, bekommen ab August Hilfe von außen: Berater aus der freien Wirtschaft sollen mit professionellem Management Schulen unterstützen, damit ihre Schüler besser Texte lesen und verstehen können. Kein Schulabschluss, keine Ausbildung, kaum Chancen, sich selbst oder gar eine Familie zu ernähren – immer mehr Jugendliche starten so ins Erwachsenenleben.

Allein 10,5 Prozent der Hauptschüler in Schleswig-Holstein verlassen die Schule ohne Abschluss. "Aber das ist ein Durchschnittswert. In Wirklichkeit sind die Quoten höchst unterschiedlich – und Schwindel erregend hoch an Schulen, die besonders viele Schüler aus Migrantenfamilien oder mit sozialen Problemen haben", sagt Thomas Riecke-Baulecke, Direktor des Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH).

Immerhin jede vierte Hauptschule im Land weist hohe Abbrecherquoten auf. Eine Schlüsselrolle bei dieser desolaten Situation spielt – da sind sich PISA-Studien und andere Untersuchungen einig – die mangelnde Lesekompetenz. "Selbst einfache Texte werden nicht verstanden, wir verfassen Arbeitsanleitungen deshalb sogar als Comics. Und wir mussten schon gute Fachkräfte wegen ihrer mangelnden Fähigkeit, Schriftliches zu verstehen, entlassen," beklagte der Leiter eines Kieler Ausbildungsbetriebs.

"Wir können diese jungen Leute nicht einfach aufgeben", sagt Riecke-Baulecke und will deshalb mit der Kampagne "Niemanden zurücklassen" in drei Jahren die Zahl der Risikogruppe um ein Drittel verringern. 55 Hauptschulen erhalten deshalb drei Jahre lang einen professionellen Management-Berater. Er übernimmt natürlich keine Lehrerrolle und agiert auch nicht in den Klassenzimmern, sondern berät und unterstützt den Schulleiter, damit der das ehrgeizige Projekt optimal umsetzen kann.

Das geschieht in zwei Schritten: Alle Schüler machen zunächst einen Lesetest. Wer die niedrigste Kompetenzstufe erreicht, bekommt einen individuellen Lehrplan, in dem vierteljährlich Ziele festgelegt werden. Von da an kontrollieren Schüler und Lehrer täglich die Einhaltung des Plans. "Für den Erfolg ist unabdingbar, dass die Schüler eine Art Mappe erhalten mit Anreizen wie Zertifikaten und mit passgenauen Aufgaben. Wenn Max also Fußballfan ist, dann könnte der Auftrag heißen: täglich einen Sportartikel in der Zeitung lesen und den Inhalt in fünf Sätzen wiedergeben", erklärt Riecke-Baulecke.

Der Cornelsen-Schulbuchverlag wird für "Niemanden zurücklassen" spezielle Arbeitsmaterialien entwickeln. Ein Berater soll fünf bis zehn Schulen betreuen. Da bundesweit erstmalig solche Berater eingesetzt werden, soll das Projekt wissenschaftlich begleitet werden – und hat Chancen auf Förderung durch den Europäischen Sozialfonds.

[Quelle: Kieler Nachrichten vom 26.2006, von Heike Stüben]