01.12.2004: Mehr Wirtschaft auf die Stundenpläne

Neue "Rahmenvorgabe Ökonomische Bildung" in NRW


Oberhemd und Krawatte waren frisch gekauft, der dunkle Anzug neu, das schulterlange Haar wohl gescheitelt: Der Lemgoer Gymnasiast Jannik Neumann hatte sich in Business-Schale geworfen. Einen Tag lang beerbte der 19-Jährige am Montag (29.11.2004) Dirk Elberskirch als Chef der Börse Düsseldorf. Höhepunkt eines bundesweiten Schüler-Projektes der Wirtschaftszeitschrift DM/Euro.

Ebenfalls in Düsseldorf, am Dienstag Nachmittag (30.11.2004), werden etwa 80 Oberstüfler von drei Schulen in Bochum und Marl in der Reihe "Dialog mit der Jugend" auf Anregung des Initiativkreis Ruhrgebiet Sergio Giroldi treffen, den Vorstandsvorsitzenden der Baumarkt-Kette Obi. Zwei Wirtschaftsprojekte - ein Ziel: Neugier wollen sie wecken, auf Wirtschaft. Denn die, sagen die Initiatoren, braucht in den Schulen dringend Nachhilfe.

Ab dem nächsten Schuljahr soll sich das in NRW flächendeckend ändern, sollen Wirtschaftsthemen in allen fünften bis zehnten Klassen von der Hauptschule bis zum Gymnasium verstärkt auf den Stundenplan rücken. Nicht als neues Fach, sondern integriert in bestehende: An den Hauptschulen in Gesellschafts- und Arbeitslehre, an Realschulen und Gymnasien in die Fächer Politik, Erdkunde und Geschichte. Insgesamt 200 Schulstunden verteilt auf vier Fächer in sechs Schuljahren sieht die "Rahmenvorgabe Ökonomische Bildung" vor. Das nötige Wissen dazu können sich die Lehrer über einen Internet-Kurs auf der landeseigenen Plattform www.economics.nrw.de erwerben.

Ökonomische Bildung in Ländervergleich
Während das Landes-Schulministerium damit "NRW bundesweit an der Spitze" sieht, ist der Vergleich für Katrin Eggert, weniger euphorisch. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für ökonomische Bildung in Oldenburg bemängelt vor allem, dass es hierzulande kein "Anker-Fach" geben wird, wo die ökonomische Bildung "ein Zuhause" hat. Niedersachsen etwa hat an allen allgemeinbildenden Schulen ein Fach Wirtschaft; ergänzt wird dies ab 2006 an den Gymnasien mit dem Fach Politik/Wirtschaft ab Klasse acht. Und Bayern kennt das Fach Wirtschaft an den allgemeinbildenden Schulen bereits seit Jahrzehnten.

Zudem sieht Eggert, die sich seit Jahren mit ökonomischen Bildungskonzepten befasst, andere Länder als vorbildlich an. Etwa Baden-Württemberg, wo seit 2002 jährlich 90 Lehrer in Sachen Wirtschaft geschult werden - denen wöchentlich dafür vier Stunden Freistellung gewährt sind.

Nicht mehr in die Breite lernen
Auch Gerd Schwartekopp sieht die Vorgaben aus dem NRW-Ministerium kritisch: Der Sowi-Lehrer am Franz-Stock-Gymnasium in Arnsberg ist einer von zwei Dutzend Pädagogen, die 1998 bis 2002 in landesweit sieben Schulen mit gymnasialer Oberstufe als erste ein neues Konzept des Wirtschafts-Unterrichts erprobt hatten, das maßgeblich in der Uni Oldenburg als neues Fach "Sozialwissenschaft/Wirtschaft" kreiert wurde. Seit diesem Schuljahr können es alle weiterführenden Schulen ab Stufe 11 anbieten.

Das Konzept: Die bisherigen Sowi- und Politik-Inhalte werden "nicht mehr in aller Breite" durchgenommen, dafür der Anteil der Wirtschaft auf zwei Drittel ausgedehnt, mit Themen wie "Privater Haushalt", "Unternehmen" oder "Internationale Wirtschaftsbeziehungen", orientiert an der Lebenspraxis von Schülern und mit Einbindung von Unternehmen. Das ist so zwar auch in der Rahmenvorgabe für die unteren Klassen angelegt. Dennoch ist sie für Schwartekopp "kein überzeugendes ökonomisches Konzept." Vor allem, weil den Lehrern noch "das Fundament fehlt". Freistunden zur Fortbildung gibt es nicht. Und wer noch auf Lehramt studiert, findet Seminare zur Ökonomie-Bildung bisher nur an den Unis Münster und Siegen.

Auch Heribert Brabeck vom Realschullehrerverband NRW hält die Rahmenvorgabe "nicht für den großen Wurf." Zwar ist er froh, "dass was passiert", doch in der Schul-Realität werde das Konzept zur Utopie: "Die meisten Politik-Lehrer in den Klassen fünf und sechs sind keine ausgebildeten Fach-Lehrer." Und Erdkunde "steht manchmal nur mit einer Stunde auf dem Stundenplan" - aus Lehrermangel.

Ähnlich sei es an den Gymnasien: Da gibt es Politik-Unterricht nur in den Klassen sechs, acht und zehn. Doch: Alle betroffenen Fachlehrer müssen je Schule gemeinsam absprechen, was an Wirtschaft sie im Unterricht einbauen, weil sich die Bereiche sehr oft decken. Katrin Eggert bezweifelt, "dass diese Kooperation zu guten Ergebnissen bei den Schülern führen wird. Hier gibt es mehr Hoffnung als Gewissheit."

Im Schulministerium NRW setzt man auch auf weitere Kooperationen von Schulen und Wirtschaft. Die im Juni 2003 vom Land gegründete Stiftung Partner für Schule NRW etwa hat dazu jüngst ein Projekt in Angriff genommen. Jede weiterführende Schule soll einen Partnerbetrieb finden können. Bisher haben das ein Drittel. Das Ziel: Interesse an Wirtschaft wecken. Auch für die Chefs von morgen.

[Quelle: Neue Ruhr Zeitung (online), 30.11.2004]