26.11.2004: Der Pisa-Mann

Andreas Schleicher zu Gast in Duisburg


Auf Einladung der Unternehmerverbandsgruppe Duisburg sprach am Mittwoch (24.11.2004) Andreas Schleicher, der Verantwortliche der OECD, der die Pisa-Studie entwickelt hat, vor Unternehmern.

Er ist ein schneller, ein quicklebendiger Kopf. Er heißt Andreas Schleicher (40) und er ist der Vater der sogenannten "Pisa-Studie", das "Programm for International Student Assessment" (Pisa), ein Bildungstest, der seit drei Jahren in vielen Ländern wie ein Adrenalinstoß wirkt.

Der gebürtige Deutsche koordiniert für die OECD in Paris die internationalen Schulvergleichsstudien. Am vergangenen Mittwoch war er zu Gast beim Unternehmertag in Duisburg, um vor Managern und Wirtschaftsführern über die Bildungskrise und ihre Konsequenzen für die Wirtschaft zu sprechen. 32 Länder haben sich bei dem OECD-Schulleistungsvergleich seinerzeit im Jahr 2000 in die Karten gucken lassen, und Schleicher könnte jeden Tag woanders auftreten, würde er alle Einladungen annehmen. So war es ein Glücksfall, dass Mr. Pisa wirklich in Duisburg referierte und nicht in letzter Minute absagen ließ. Denn die nächsten Pisa-Runden sind ja schon längst in Arbeit.

Produkthaftung für Schulen

Im überfüllten Tagungssaal des Hauses der Unternehmer kam Schleicher schnell zur Sache: Was Deutschland tun müsse, damit es auf der OECD-Rangliste endlich weiter nach oben aufrücken kann? "Da können wir uns heute an den erfolgreichen Bildungsnationen orientieren", sagte Schleicher, "die haben klare Perspektiven, da wissen Lehrer, was zu tun ist und da gibt es einen breiten Konsens über die Rolle von Bildung in der Gesellschaft." Dort arbeiteten die Schulen ergebnisorientiert und hätten ein deutlich größeres Maß an Selbstständigkeit und Verantwortung als Schulen in Deutschland. Sie seien in der Lage, Schüler zu besserem Lernen, Lehrer zu besserem Unterrichten und Schulen zu mehr Effizienz anzuregen.

Schleicher spricht von der "Produkthaftung" von Schulen erfolgreicher Bildungsnationen, immer wieder am Beispiel Finnland: Die Schule, die Lehrer müssen das Bildungsproblem mit ihren Schülern lösen, sie können und dürfen die Probleme samt Kinder nicht irgendwohin abwälzen. Es mangele in Deutschland nicht an guten Schulen, sondern es fehle die sytemische Verankerung dieser Erfolge. Und es mangele in Deutschland an Dynamik - Deutschland sei einmal gut gewesen, doch andere Länder - Korea zum Beispiel - seien in der Zwischennzeit so unerhört gut geworden, dass Deutschland im internationalen Ranking einfach nach unten absacke.

Die finnische Handy-Firma Nokia habe früher Gummistiefel hergestellt. Schleicher: "Da haben die nicht gewartet, bis über die Jahre eine neue Ingenieur-Generation ausgebildet wurde, sondern die haben das Personal weitergebildet, umgestellt auf ein neues Ziel." Diese Dynamik fehle in Deutschland und so sei es kein Wunder, dass es drei Jahre nach Pisa nicht wirklich anders in Deutschland aussehe.

[Quelle: Neue Ruhr Zeitung vom 26.11.2004]